Elfsteden Roeimarathon 2026 aka „Eine Aneinanderreihung von Ereignissen“ oder „Bis der nächste Schauer kam“

Teilnehmende 12er Team „Mountain Village“: Anni, Bennet, Lenny, Smilla, Christian, Reed, Kerstin, Nika, Ben, Jan-Ole, Malte, Johanna

Teilnehmende Bullen-3er „Bullen-Kacke“: Paddy, Max, Adrian

 

Es gibt eine nicht schriftlich festgehaltene, aber bestimmt seit Jahrzehnten zuverlässig bestätigte Grundregel beim alljährlich im Mai stattfindenden Elfsteden Roeimarathon über 210 km rund um Leeuwarden in der niederländischen Provinz Friesland: Die Sonne scheint. Immer. Und es ist so warm, dass man selbst nachts problemlos „englisch fahren“ kann, ohne dabei zu erfrieren.

Dieses Jahr war allerdings – passend zum 40. Jubiläum der Tour – alles anders.

Statt Sonnencreme stand Regenkleidung auf der Packliste. Sowohl Android- als auch Apple-Handys waren sich ausnahmsweise einmal einig und kündigten Regen sowie Temperaturen im unteren zweistelligen Bereich an. Für andere Menschen möglicherweise ein Grund, das Wochenende mit einer Decke auf dem Sofa zu verbringen. Für uns als Norddeutsche hingegen bestenfalls eine milde Wetterwarnung mit Empfehlungscharakter.

Die Stimmung blieb entsprechend gut. Unterstützt wurde sie durch das Kinderlied „Gute Laune“ von GroßstadtEngel, das inzwischen auch erfolgreich den Sprung an den Ballermann geschafft hat. Inklusive der dazugehörigen Armbewegungen wurden die dunklen Wolken gemeinschaftlich nach oben, unten, vorne, hinten, rechts und links geschoben. Oder einfach irgendwohin, Hauptsache weg. Besonders praktisch: Die Choreografie lässt sich auch im Sitzen ausführen und eignete sich damit hervorragend für unsere Invalid:innen im Team. Namen werden aus Rücksicht auf die Betroffenen nicht genannt.

Aber ich schrieb ja bereits: Dieses Jahr war ALLES anders.

Beginnen wir deshalb am besten am Vorabend der Abreise. Also dem Moment, in dem uns auffiel, dass unser Bootsanhänger keinen gültigen TÜV mehr hatte. Ein Detail, das man im Idealfall nicht erst wenige Stunden vor der Überquerung von (kontrollierten) Landesgrenzen entdecken möchte. Nach einer Mischung aus hektischer Betriebsamkeit, freundlichem Bitten und vermutlich etwas Mitleid wurde uns von einer noch schnell kontaktierten Werkstatt kurz vor Geschäftsschluss ein Schreiben ausgestellt, das sinngemäß bescheinigte: „Ja, die Mängelliste ist lang. Ja, eigentlich sollte man diese beheben. Aber fahren Sie jetzt einfach vorsichtig.“ Spoiler: Der Anhänger hat es unbemerkt über die Grenze und zurück nach Hause geschafft.

Damit war die Liste der Ereignisse allerdings noch lange nicht abgeschlossen.

Da wäre zunächst das große Schwimmwesten-Drama. Nach intensiven Diskussionen, organisatorischen Verrenkungen und dem kurzzeitigen Eindruck, ohne funktionale und zahlenmäßig ausreichende Schwimmwesten möglicherweise gar nicht starten zu dürfen, stellte sich schließlich heraus: Wir brauchten sie gar nicht, da das Slotermeer kurzfristig wegen starker Winde gesperrt wurde, was zu einer Streckenverkürzung führte. Der Elfsteden Roeimarathon war damit zwar etwas kürzer als geplant, fühlte sich nach vielen Stunden im Boot aber trotzdem nicht wie ein Sprint an.

Auch sportlich lief nicht alles nach Plan. Von den zwei Bergedorfer Booten schafften es zwar erfreulicherweise beide zurück nach Leeuwarden, allerdings erreichte eines das Ziel auf eine Art und Weise, die vermutlich nicht als Standardverfahren beschrieben werden kann. Mehr dazu erfährst du bei Paddy.

Nachdem bei Ankunft am Donnerstagnachmittag endlich feststand, dass unser hoch umkämpfter Zeltplatz tatsächlich existierte und wir ihn beziehen durften, ging es zunächst zum Einkaufen. Dort testeten wir erfolgreich die maximale Belastbarkeit niederländischer Einkaufswagen und verursachten möglicherweise eine regionale Brotverknappung. Aber irgendwie mussten wir die kommenden Tage ja überstehen. Abends wurde dann gemeinsam gegrillt, bevor die von Smilla ausgeheckten Teambuilding-Maßnahmen starteten. Austragungsort war eine Wiese, die von Pferdeäpfeln und der dazugehörigen Horde an Fliegen belagert wurde. Immerhin handelte es sich um genau den Platz, den wir erfolgreich als Schlafplatz hatten abwimmeln können.

Nach einer überraschend kalten ersten Nacht im Zelt stand am Freitag neben dem Vorbereiten der Boote und einem kurzen Training für unsere Newbies vor allem die Bootsabnahme am lokalen Verein LRV Wetterwille an. Die Kontrolleure zeigten dabei einen ungewohnten Eifer, welcher zu diversen Umbauten an den Scheinwerfern führte, bevor schließlich um 20:10 Uhr für Malte, Johanna und Christian am Steuer der Startschuss fiel – natürlich frenetisch angefeuert von unserem Team am Ufer.

Zwischen den Techno-Beats, die uns eigentlich wachhalten sollten, schallten immer wieder lautstarke „Ist das Torben?“-Rufe durch die Nacht. Vielleicht brauchten wir das, um das Leiden bei Kälte und Regenschauern etwas abzumildern. Wobei Torben, ein Ruderkollege vom Hamburger und Germania Ruderclub, in seinem Bullen-3er vermutlich objektiv betrachtet deutlich mehr gelitten hat. Trotz aller Wetterkapriolen (Hagel!), kleiner Navigationsprobleme – sowohl im Begleitfahrzeug als auch im Boot – und wilder Wechselpunkte, aber auch dank vieler schöner Begegnungen mit Mitrudernden und Zuschauenden sowie eines großartigen Teamgeists kämpften wir uns durch die friesische Landschaft. Nach 18:52:04 Stunden erreichten wir schließlich mit Anni, Smilla und Nika am Steuer das Ziel. Dabei verbesserten wir uns von unserem ursprünglichen Startplatz 33 auf einen respektablen 18. Platz von insgesamt 98 Booten. Ein Ergebnis, auf das wir durchaus stolz sein können.

Umso überraschender war es, als wir kurz nach unserer Ankunft mit bemerkenswerter Eile zur Siegerehrung gerufen wurden.

Hatten wir uns verrechnet? Oder hatten die anderen Boote kollektiv beschlossen, sich zu disqualifizieren?

Natürlich nicht. Stattdessen wurde uns – für alle völlig überraschend – ein Pokal überreicht. Dieser wurde einmalig zum 40. Jubiläum an das schnellste Team vergeben, das ausschließlich aus Mitgliedern eines Vereines besteht. Bis wir das verstanden hatten, dauerte es allerdings eine Weile. Offenbar reicht unser Niederländisch für den Einkauf von hiesigem Brot, aber nicht unbedingt für Siegerehrungen.

Um nach dem lang ersehnten warmen Essen im Ziel und einem gemeinsamen Beisammensitzen auf dem Zeltplatz auch die zweite und immerhin letzte kalte Nacht in den Zelten zu überstehen, wurden die von Smilla organisierten Beauty-Augenmasken, die bei Hautkontakt Wärme erzeugen, kurzerhand zu Fußwärmern umfunktioniert. Das schien geholfen zu haben, denn alle waren Sonntagfrüh wieder am Start um zügig unser Lager abzubauen, die Boote aufzuladen und uns auf die Heimfahrt zu machen, deren kulinarischer Höhepunkt in der Auswahl der bestbewerteten McDonald’s-Filiale entlang der Route bestand.

Bleibt uns am Ende nur noch, Smilla und Christian für die großartige Organisation dieses Wochenendes zu danken. Ohne euch hätten wir weder diese Erlebnisse noch diesen Pokal noch diverse neue Erkenntnisse über TÜV-Fristen, Schwimmwestenregelungen und zweckentfremdete Kosmetikprodukte gewonnen.

Und so bleibt die Hoffnung, dass Ausnahmen bekanntlich die Regel bestätigen – und wir im nächsten Jahr wieder bei Sonnenschein und trockenen Füßen die holländischen Gewässer unsicher machen können.

Hier ein paar Impressionen!


 


Ein Bericht von Johanna